Das dritte Leben

Eine Liebesgeschichte in den höheren Dimensionen

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Auszüge aus einem Buch, das gerade entsteht…

[Und so fängt es an, das Buch. Kein Vorwort, nichts, wir springen direkt hinein in die Geschichte. Das ist die Absicht!]

21.03.2016, Montag morgen, 8:25

Ich stand wie unter Strom und mein Herz pochte. Wie damals beim Warten auf das Ergebnis der mündlichen Diplom-Prüfung, die sehr schlecht verlaufen war. Ein sehr unangenehmes Gefühl.

Doch ich musste jetzt endlich eine Entscheidung treffen, sonst war es zu spät. Soll ich oder soll ich nicht? Das hatte ich mich schon die letzten 10 Minuten immer wieder gefragt, aber ich konnte mich zu nichts entscheiden.

Schließlich entschied ich mich, das jetzt durchzuziehen, und das merkwürdige unangenehme Gefühl wurde noch stärker. Damals konnte ich noch nicht verstehen, was es bedeutete, dieses Gefühl. Mir stand gerade eine bittere Lektion bevor, damit ich lernte, dass dieses Gefühl mir sagen wollte:

„Mach dat nich! Lasset sein!“ — Mach das nicht, lass es sein!!!

Ich stand auf und ging die paar Meter durch den Gang zu ihrem Sitz. Auf dem Weg holte ich den leuchtend grünen Umschlag aus der Innentasche meiner grünen Ski-Jacke, die ich jetzt immer trug, weil die schwarze Winterjacke ein Loch am Ellenbogen hatte und der Winter ja bald vorbei war. Die Skijacke sah allerdings auch aus wie ein Anorak, war nur etwas kürzer. Dazu trug ich noch eine dunkelblaue Seemanns-Strick-Mütze, die alles andere als cool aussah.

Den Brief hatte ich in der Vorwoche, während meines Urlaubs, heimlich zuhause vorbereitet. Meine Frau durfte ja nichts davon mitbekommen, mein Sohn steckte mitten in den Vorbereitungen zum Abitur. Die Aufregung wollte ich ihm ersparen, denn er war schon frustriert genug, weil er im letzten Schuljahr nicht mehr so ganz bei der Sache gewesen war.

Ich erreichte sie und sie sah mich kurz an und dann stur geradeaus.

„Ich möchte mich bei dir bedanken!“ sagte ich und hielt ihr den Brief hin. Sie machte eine abwehrende Geste mit der Hand und schüttelte leicht den Kopf. Dann hielt sie wieder ihre schwarze Handtasche fest, die sie auf ihren Beinen abgestellt hatte.

Spätenstens jetzt hätte ich den Rückzug antreten müssen. Dann hätte ich noch einiges retten können.

Aber ich wollte noch nicht verstehen, noch nicht aufgeben. Ich wollte es unbedingt durchziehen.

Damals konnte ich noch überhaupt nicht abschätzen, was ich gleich anrichten würde.

Ich hielt ihr den Brief wortlos noch etwas näher hin.

Sie sah mich endlich an, aber ihre braunen Augen blitzten wütend.
„Lassen Sie mich doch einfach in Ruhe!“ platzte ihre Wut aus ihr heraus.

Ich wich einen Schritt zurück, völlig schockiert. Das hatte ich mir alles total anders ausgemalt. Wie ein begossener Pudel drehte ich mich um, ging zur weiter entfernten Abteil-Tür und steckte dabei den Brief wieder ein. Der Ausgangsbereich des Eisenbahn-Waggons war allerdings schon mit anderen Pendlern besetzt, die es besonders eilig hatten, in Düsseldorf Hauptbahnhof auszusteigen.

So blieb ich in der Tür stehen und drehte mich wieder Richtung Innenraum um. Dort saß sie noch, der Traum meines Lebens, starrte geradeaus und sah ab und zu in meine Richtung. Ich konnte nicht anders, als ständig zu ihr herüberzusehen. Ich muss trotz meiner Größe von 1,95 ausgesehen haben wie ein kleiner geknickter Junge.

Wie damals, als mir die Kindergärtnerin mein nagelneues Spielzeugauto weggenommen hatte. Es war ein Jeep mit Motorrad auf einem Anhänger, das sie auch meiner Mutter nicht wieder herausrücken wollte. Meine Mutter hat mir dann ein paar Tage später ein baugleiches Modell gekauft.

Diese Option hatte ich jetzt mit Sicherheit nicht, das war mir klar. Außerdem war meine Mutter bereits vor einigen Jahren an Krebs gestorben, während ich ihre Hand hielt.

Ich fühlte mich ebenfalls bereits tot, und mein dummer Mut hatte mich in diese Lage gebracht.

Unsere Blicke trafen sich immer nur ganz kurz, dann sah sie sofort wieder weg. Sie befürchtete wohl, dass ich nochmal zurückkommen könnte, aber soo blöd war ich dann doch nicht.

Dieser Zustand des Blicke-Austauschens und gegenseitigen Wegsehens dauerte noch 5 quälende Minuten, dann erreichten wir endlich D-Hbf. Sie stand schnell auf und ging zur anderen Seite des Wagens, zur anderen Tür. Draußen angekommen ging sie nicht zur Haupttreppe, denn das wäre meine Richtung gewesen. Sie flüchtete sich in den nördlichen Verbindungsgang.

Dass es eine Flucht war, konnte ich einerseits sehen und andererseits war es auch deswegen klar, weil es ein sehr umständlicher Weg hinunter zur U-Bahn war. Sie sah auch ein wenig verschreckt zu mir hinüber, bevor sie flüchtete.

Ich ging dagegen, nun vollends aller Hoffnungen beraubt, den üblichen Weg hinab Richtung U-Bahn. Mein Leben war vorbei, alles war vorbei. Alles, was ich mir mit ihr ausgemalt hatte, in einem Augenblick vernichtet. Ich liebte sie doch so sehr! Aber das stand natürlich nicht in dem Brief, deswegen hatte ich ja auch den grünen Umschlag gewählt.

In der U-Bahn löste sich langsam die Schockstarre und ich kam ins Grübeln.

Weil ich sie wirklich liebte, machte ich mir bald mehr Sorgen um sie als um mich. Ich hatte sie auch für einige Jahre älter gehalten. Jetzt merkte ich wie jung und verletzlich sie doch noch war. Wenn das für sie nur kein Trauma auslöste und fortan jeder Mann mittleren Alters, der sie freundlich ansah, ihr den Angstschweiß auf die Stirn trieb!

Wenn ich heute darüber nachdenke, dann war das bestimmt nicht der Fall. Denn sie war so groß und so hübsch, hatte eine tolle, schlanke Figur und war soo interessant, dass ihr das bestimmt nicht zum ersten Mal passiert ist, einen Mann abweisen zu müssen.

Deswegen war sie auch unter den Pendlern im Zug immer die unnahbare Schönheit, wie eine Statue. Da waren die meisten gleich abgeschreckt. Meine Kollegin sah das ähnlich.

Ich hatte den Brief geschrieben, weil ich dachte, mit uns beiden wäre bereits alles klar. Ganz sicher war ich mir allerdings nicht, deshalb hatte ich mich vorsichtig ausgedrückt (dachte ich) und den grünen Umschlag gewählt. Ich hatte in den letzten zwei Wochen viel gelernt über das Leben, und dachte damals, dass ich alles verstanden hatte und meine Transformation abgeschlossen war.

Aber ich sollte mich so irren! Die richtig schmerzvollen Momente sollten jetzt erst in dieser Woche auf mich warten, bis ich es nicht mehr aushalten konnte. Genau eine Woche später, Ostermontag Abend, brauchte mein Verstand einen Reset.

Ich schnitt mir ganz blöd an einer Konservendose den Zeigefinger auf, bekam einen Schock und fiel kurz darauf in Ohnmacht.

Danach fühlte ich mich etwas besser, und meine Transformation konnte beginnen…

Warum ich??

Warum ausgerechnet ich? Diese Frage habe ich mir im folgenden halben Jahr immer wieder gestellt. Und auch meine Frau meinte einige Male: „Was könntest du denn einer jungen Frau überhaupt bieten?“ Sie stellt mir immer wieder solche Fangfragen und wartet auf meine Reaktion. Das ist wohl beruflich bedingt.

Ungefähr 100 Tage später hatte ich erkannt, dass ich aus allen Erfahrungen und Fähigkeiten schöpfen musste, die ich in den fünfzig Jahren meines Lebens gemacht und erworben hatte, um die nun folgenden Prüfungen bestehen zu können.

Aber es hat ein halbes Jahr gedauert, dieses Wissen in ein Gefühl und gelebtes Leben umzuwandeln. Danach wurde das Leben auf einmal ganz leicht. Vieles, was mich früher hätte verzweifeln lassen, löse ich jetzt so nebenbei.

Mein Leben bis zum Sommer 2015

[Über 100 Buchseiten, noch nicht ganz fertig …]

Unsere Geschichte beginnt

Spätsommer 2015

Ich fahre wie immer morgens mit dem Zug von Wesel nach Düsseldorf. Es ist Spätsommer und recht warm. Ich trage eine leichte Jacke über meinem Hemd mit kurzen Ärmeln. Keine besonders coole Jacke. Eher so Modell „Familienpapa“. Während der Fahrt schreibe ich an meinem Fachbuch über „Datenvalidierung“.

In Oberhausen setzt sich eine große, schlanke junge Frau neben mich. Sie ist sehr hübsch mit ihren langen, dunklen Haaren und trägt ein T-Shirt.

Ich finde sie sehr ungewöhnlich und beobachte sie ein wenig. Natürlich vorsichtig, ab zu und zu blicke ich nach links zu ihr. Ansonsten schreibe ich weiter an meinem Fachbuch über Datenvalidierung. Dazu habe ich den schwarzen Ikea-Rucksack auf meine Knie gelegt und das Tablet in der Tastatur-Halterung ganz oben auf der festen, schwarze Platte des Rucksacks abgestellt.
Ich muss aufpassen, dass es nicht herunterfällt, wenn ich zu stark in die Tasten schlage oder der Zug ruckelt. Aber das habe ich mit der Zeit gelernt. Mit den Daumen und den Handballen halte ich es noch ein wenig fest.

Sie sitzt da wie die Statue einer griechischen Göttin und sieht meditierend, zufrieden geradeaus. Auf ihrem schwarzen T-Shirt ist irgendetwas aufgedruckt oder gestickt. Zurückhaltend, es sieht sehr elegant aus. Ihr Profil ist auch genauso schön anzusehen wie eine griechische Göttin. Und ihre Art, sich zu bewegen, würde die griechischen Götter entzücken. So erinnere ich mich jetzt daran. Leider habe ich damals noch kein Tagebuch geschrieben. Da muss ich mit meiner Erinnerung auskommen.

Herbst/Winter 2015/2016

In der Folge sehen wir uns öfter in der U-Bahn oder beim Aussteigen in Düsseldorf Hbf.

Sie läuft die Stufen schnell herab und sucht nach der nächsten U-Bahn, die abfährt, rechts oder links. Wie ein scheues Reh auf der Flucht. Dabei bewegt sie sich ganz natürlich. Sportlich effektiv. Sie versucht nicht, die Blicke auf sich zu ziehen. Sie will unbehelligt und schnell zur Arbeit. So interpretiere ich das jetzt. Sie ist die Unnahbare, damit sie ihre Ruhe hat.

Öfter nimmt sie die U75 wie ich und wir stehen manchmal recht nah beieinander. Sie gefällt mir immer besser. Ab und an werfe ich einen Blick zu ihr herüber.
Aber sie zeigt keine Reaktion. Ob sie mich bemerkt?

Lange weiß ich nicht, wie ihre Stimme klingt und ich befürchte schon, dass sie eine Stimme hat, die mir nicht gefällt. Denn sie spricht nur, wenn es absolut notwendig ist.

An einem Morgen ist es sehr voll in der Bahn, und als sie in Heinrich-Heine-Allee hält, versperren ihr andere den Weg nach draußen.

„Ich muss dringend da raus!“ so spricht sie die anderen eindringlich an. Mit einer sehr schönen, liebevollen, klaren Stimme. Die wahrscheinlich sehr sanft sein kann, aber jetzt muss sie etwas eindringlicher sprechen. Ein wenig Angst schwingt mit, den Ausstieg zu verpassen. Aber keine Wut und auch kein Ärger auf die, die ihr den Weg versperren. Außer in der Eingangsszene habe ich nie erlebt, dass sie irgendwie wütend, ärgerlich oder ungeduldig war.

Eine wirklich außergewöhnliche junge Frau, die Adlerin. So nenne ich sie ab jetzt. [Nach meiner Geschichte „Das Erwachen“ (Klick hier, auch auf WordPress)

Jetzt im Herbst trägt sie meistens eine Hose (Jeans?) und darüber eine eher sportliche Winterjacke. Dazu bequeme Schuhe oder Stiefel, natürlich ohne Absatz. Sie ist ja schon so groß. Außerdem trägt sie keinerlei Schmuck. Keine Ketten oder Ringe. Auch keine Ohrringe, die wären mir irgendwann aufgefallen.

Von meine Frau weiß ich, wie man sich stilvoll anzieht. Ich kann zwar selbst nichts kombinieren, aber wenn etwas bei der Adlerin nicht ganz zusammenpasst, fällt mir das manchmal – erstaunlicherweise – auf. Normalerweise interessiere ich mich nicht besonders dafür, was die jungen Damen so tragen.
Aber ich werde aufmerksamer für das, was um mich herum passiert. Früher hätte ich mich so in das Schreiben versenkt, dass ich ohne Wecker bis nach Köln oder Koblenz weitergefahren wäre.

Die Adlerin sucht noch nach ihrem Stil. Das konnte ich sehen. Später wird das ganz anders sein. Einmal stand sie direkt neben mir und hatte ihre Wangen noch extra mit Rouge betont. Das war übertrieben, denn sie hat schon ganz ausgeprägte, wunderschöne Wangen. Solche, wie andere sie mit OPs zu erreichen suchen. Bei ist es Natur.

Ich beginne langsam, mich in sie zu verlieben. Aber mein Ego unterdrückt dieses Gefühl. Denn ich bin ja verheiratet. Und sie ist so zauberhaft und so unerreichbar. Mein Herz springt jedesmal ein wenig, wenn ich sie wieder sehe, und ich nehme alles in mich auf. Sonst könnte ich jetzt nicht darüber schreiben. Doch ich verleugne meine Gefühle. Bis zu jenem Montag, der der Start in ein neues Leben werden sollte.

07.03.2016, Montag und Start in ein neues Leben

[Genau zwei Wochen vor dem Absturz…]

Wieviele merkwürdige Umstände haben mich an diesem Montag Morgen zu dieser ungewöhnlichen Zeit zum Hauptbahnhof nach Oberhausen geführt! Nach draußen, vor den Haupteingang.

Das ist unglaublich, das kann kein Zufall sein.
Aber darüber denke ich jetzt nicht nach.

Ich gehe hinein und suche mir den Weg zu den Bahnsteigen. Denn ich kenne mich hier noch nicht gut aus, unten im Bahnhof. Das wird sich bald ändern. Ich informiere mich auf der elektronischen Abfahrtstafel, welche Züge denn überhaupt noch fahren und von welchem Bahnsteig der nächste Zug nach Düsseldorf abfährt. Ich nehme die Treppe auf den Bahnsteig und laufe ein paar Meter Richtung Wesel.

Dann drehe ich mich um.

Und da steht sie, die Adlerin, und sonst fast niemand. Heute mit Zopf. Direkt an der Treppe, mit Blick auf die Anzeigetafel. Das ist meine Chance, sie einmal anzusprechen. Einfach so, ohne Hintergedanken. Etwas Smalltalk.

Ich gehe zu ihr hinüber. „Heute werden keine Züge von Wesel kommen,
die Strecke ist gesperrt.“ sage ich zu ihr. Wir unterhalten uns ein wenig, und wir sehen uns dabei an.

An das weitere Gespräch kann ich mich nicht mehr erinnern. Aber an sie. Ich bin total fasziniert.

Ihre Stiefelspitzen sind etwas nass vom Schnee. Ich habe meine Mütze auf, sie braucht keine. Heute trägt sie keine sportliche Jacke, sondern eine damenhafte braune Daunenjacke. Sie ist kaum geschminkt. Hat sie ja auch gar nicht nötig.
Ihre Zähne sind oben etwas schief und die unteren etwas verdreht. Aber extrem sauber. Auf so etwas achte ich immer, ob die Zähne gesund und sauber sind. Warum weiß ich auch nicht. Aber das ist mir irgendwie wichtig.

Da zeigt sie auf die Anzeige. Der Zug wurde auf ein anderes Gleis verlegt. Als ich das gelesen habe, ist sie schon losgelaufen und eilt die Stufen nach unten. Ich hinterher. Sie ist schnell, aber ich kann folgen. Denn ich bin genauso schnell. Dann am nächsten oder übernächsten Bahnsteig die Treppe wieder nach oben. Oben angekommen stelle ich mich wieder neben sie, und wir warten wortlos.

Schließlich kommt der Zug. Es ist das Modell „S-Bahn-Triebwagen“ und er ist recht leer. Diese Züge haben keine Lock und wirken eher wie eine übergroße Straßenbahn. In der Mitte gibt es einen Gang, und rechts und links davon Sitze in Vierergruppen, in denen sich jeweils zwei Reisende gegenüber sitzen.

Wir steigen ein und ich setze mich in eine Vierergruppe, die etwas erhöht ist, weil sich darunter die Zugräder befinden. Ich nehme den Sitz am Gang, gegen die Fahrtrichtung. Sie nimmt den gleichen Sitz in der anderen Vierergruppe, ebenfalls am Gang, gegen die Fahrtrichtung. So trennt uns nur ein Meter, aber sie muss sich nicht weiter mit mir unterhalten.

Ich hole mein Tablet heraus und fange an zu schreiben. Ihr ist warm, und sie zieht ihre Jacke aus. Dann sitzt sie wieder meditierend, wie eine griechische Statue. Eine sehr zufriedene, in sich ruhende, junge Frau. Keine Spur von Unsicherheit. Sie trägt heute verlängerte Fingernägel.
In Klarlack. French-Nails, heißt das wohl. Ich kann ein wenig ihre schlanken Unterarme sehen.

Wie gern würde ich diese Arme streicheln oder mich von ihren schlanken Händen streicheln lassen! Ich finde sie einfach wunderbar und muss immer wieder herübersehen. Keine Ahnung, ob sie etwas
bemerkt. Es wird eine wunderbare Bahnfahrt. Ich bin mehr und mehr verliebt und merke es immer noch nicht. Sie hoffentlich auch nicht, wenn ich sie ansehe …

Das Wunder

Gleich wird das Wunder geschehen. Das ohne die ganze Kette von „Zufällen“ überhaupt nicht möglich gewesen wäre. Der Augenblick, der mein Leben verändern wird, nähert sich. Nicht zufällig, denn das wäre viel zu unwahrscheinlich. Nein, diese Begegnung war vor mehr als 50 Jahren geplant worden, schon vor meiner Geburt.

Unser Leben verläuft nicht zufällig.

Es gibt geplante Stationen auf dem Weg des Lebens, und diese ist eine der wichtigsten in meinem Leben. Dazwischen hat man freie Fahrt und kann beliebig viele Umwege nehmen. Aber früher oder später landet man an einer Zwischenstation. Hier gibt es einen Aufenthalt, damit man
Ballast loswerden und nachtanken kann. Aber vor allem werden die Weichen neu gestellt für den nächsten Teil der Reise durch das Leben.

Wir erreichen Düsseldorf. Der Zug hat Endstation. Die Bahnfahrt ist zu Ende. Wir stehen gleichzeitig auf und sehen uns an. Für uns beide ist der Gang viel zu eng und so müssen wir uns einigen, wer zuerst geht. Wir zögern. Ich lächle sie an und lasse ihr den Vortritt. Natürlich. Etwas anderes wäre mir auch nie eingefallen.

Sie lächelt zurück und tritt herunter in den Gang.

Es ist ein ganz besonderes Lächeln, wie ich es noch nie erlebt habe.

Ich kann bis in ihr goldenes Herz sehen. Bis in ihre freundliche, liebevolle Seele. Ein Lächeln, das sich den Weg in mein Herz bahnt und das ich nie vergessen werde. So werde ich mich später immer daran erinnern. Im Augenblick nehme ich es aber nicht bewusst war. Ich bin zu verliebt, um das zu bemerken.

Sie geht vor in Richtung U-Bahn, und die nächste ist passenderweise eine U75. Wir steigen beide ein, sie nimmt einen Sitzplatz und ich stehe. Dann sehe ich, dass sie ganz allein in der Vierergruppe sitzt. Am Fenster. Ich setze mich daneben und rede noch ein wenig.

Gleich kommt Heinrich-Heine-Allee, und sie muss aussteigen. Sie steht auf. Ich bin so fasziniert, dass ich vergesse, meine Beine ein wenig beiseite zu räumen. Sie muss sich an der gegenüberliegenden Wand abstützen, um vorbei zu kommen, verabschiedet sich mit einem netten, unverbindlichen „Tschüss“ und steigt aus.

Das war sie, die Begegnung, die fortan mein Leben beherrschen wird.

Ich bin total verliebt und die Gefühle aus meinem Herzen erreichen langsam, ganz gemütlich, meinen Verstand. Ich sitze verträumt in der U-Bahn und bekomme nicht mehr so richtig mit, was um mich herum passiert. Ich vergesse ganz, mein Tablet auszupacken und weiterzuschreiben. Das alles ist mit einem Mal überhaupt nicht mehr wichtig. Ich genieße noch die Nachwirkungen unserer Begegnung und bin einfach glücklich.

Die Freude in mir ist den ganzen Tag gewachsen. Als ich abends nach Hause fahre, hat mein Verstand endlich mitbekommen, wie verliebt ich bin. In sie, die ich doch fast gar nicht kenne.

Ihr Blick beim Ausstieg in Düsseldorf Hbf geht mir nicht mehr aus dem Sinn. Langsam, ganz langsam, erkenne ich das Besondere an ihrem Lächeln.

Früher habe ich mich manchmal in eine andere Frau verguckt, wie man so sagt. Aber das war immer nur eine harmlose Schwärmerei. So hat es mit der Adlerin ja auch angefangen. Aber jetzt, dieser Blick mitten in ihr Herz, das war etwas ganz anderes. Völlig anders, als alles, was ich bisher erlebt habe.

Da war nichts falsches oder aufgesetztes in ihrem Blick. Nur offene, bedingungslose, grenzenlose Liebe. Ohne Angst, ohne Berechnung, ohne Beeinflussung, ohne irgendetwas zu wollen. Sie war einfach nur da und lächelte mich an. Dieses Lächeln war nicht von dieser Welt und ja, nur für mich bestimmt?

Was wollte mir dieses Lächeln sagen? Diese Frage beschäftigt mich in den nächsten Tagen außerordentlich. Während sich das Lächeln immer weiter in mir ausbreitet und beginnt, mein verkrustetes Herz zu öffnen. Doch das bemerke ich noch nicht. Aber ich fühle, wie die Verliebtheit in mir zunimmt. Sich jeden Tag verstärkt.

Eine Verliebtheit, die bald kaum noch Platz lassen wird für das normale Leben mit meiner Familie.

In zwei Wochen wird die Aktion mit dem Brief mich in ein tiefes schwarzes Loch abstürzen lassen.

Aber davon ahne ich noch gar nichts …

Was aus uns werden soll

[Seit der Aktion mit dem Brief sind einige Wochen vergangen und ich habe sie bisher nicht mehr wiedergesehen.]

An einem Sonntag morgen (an welchem Tag, habe ich mir leider nicht notiert, ich habe erst ein paar Wochen später angefangen, Tagebuch zu schreiben), werde ich mal wieder früh wach und muss nachdenken. Über die Adlerin und mich. Was hat das Schicksal mit uns vor, wie soll es weitergehen mit uns? Ständig muss ich darüber nachdenken, was aus uns werden soll.

Eigentlich bin ich noch gar nicht so ganz wach. Denke aber schon über so existenzielle Fragen nach. Wichtige Fragen, nein lebenswichtige Fragen. Die einzigen Fragen, die mich im Moment wirklich interessieren.

Langsam reicht es mir, und so frage ich das Universum. Wie das geht habe ich inzwischen herausgefunden, aber es ist schwierig. Doch morgens, noch im Halbschlaf, das ist eine gute Gelegenheit.

„Was soll ich nur mit ihr machen?“ frage ich also und warte ab.

Und diesmal bekomme ich eine Antwort. Typisch Universum. Nur ein Wort. Daher nehme ich an, dass sie wirklich vom Universum kam, die Antwort. Und nicht meinem Wunschdenken entsprungen ist.

Und das Wort lautet (tata!!):

„Heiraten!“

„Äh, wie, heiraten ?!?“

Meinst du das wirklich? Heiraten? Ich kann es nicht glauben. Das Universum will mich veralbern, soviel steht mal fest. „Heiraten!“ Das kann doch unmöglich ernst gemeint sein!

Oder doch? Ich frage noch einmal nach, doch jetzt schweigt das Universum. Ist ja auch alles gesagt.

„Und wie soll das gehen, wo ich sie doch in Ruhe lassen soll?“ So ein Quatsch, denke ich. Das kann doch alles gar nicht sein…

Andererseits, das ist mal ein Auftrag. Wie im Märchen. „Geh mal da hin und heirate sie.“ Punkt. Ist doch die einfachste Sache auf der Welt. Hast du ja schon mal gemacht. Ja, genau. Bin ich ja sogar noch, verheiratet.

Wenn die Aufgaben zu einfach werden, dann wird das Leben langweilig. Wie in der Zeit, bevor ich sie zum ersten Mal getroffen habe. Vor dem Tag, als sie neben mir im Zug saß, zum ersten und einzigen Mal. Da war mein Leben fast schon ein wenig langweilig. Von den mittäglichen Unterhaltungen mit meinem Kollegen über das Universum und den ganzen Rest mal abgesehen. Aber irgendetwas hat mir gefehlt.

Eine Aufgabe. Eine Aufgabe, die mich richtig fordert. So voll und ganz. Und da ist sie nun, meine Aufgabe: „Heiraten!“

Das ist eine wirklich schöne Aufgabe. Aber wie im Märchen gibt es da noch ein Problem. Ein ganz klitzekleines Problem. So winzig, dass es kaum erwähnenswert ist. Ihre letzten Worte an mich passen nicht so ganz ideal zu meiner Aufgabe:

„Lassen Sie mich doch einfach in Ruhe!“

Das klingt nicht wirklich nach „Ja, lass uns mal heiraten!“
oder gar nach „Wir sollten heiraten, unbedingt!“

Aber diese Aufgabe soll mich ja auch nicht langweilen.

„Vielleicht vermisst sie mich ja schon! Wir haben uns ja schon so lange nicht mehr gesehen!“ denke ich noch. Aber das ist natürlich mal wieder nicht so ganz das, was mich erwarten wird. Ich werde im folgenden Jahr noch viel lernen und auch ein wenig leiden müssen. Da liegt noch ein weiter Weg vor mir. Aber das ahne ich noch nicht…

Seitdem sehe ich sie öfter in einem weißen Kleid neben mir stehen. Sie sieht mich dabei an mit einem Blick, der unbeschreiblich ist. Den ich zu dieser Zeit noch nicht kenne, aber in Kürze erleben werde. Live, in 3D. Und dann sehe ich sie auf mich zu laufen, an beiden Händen ein kleines Kind.
Später werden diese Bilder immer deutlicher, vertrauter, normaler.

Wie sie mich ansieht, wenn wir heiraten.

Ihr schöner runder Bauch, wenn sie schwanger ist.

Wie sie mir mit unseren beiden Mädchen entgegenkommt.

Manchmal denke ich dann, das ist alles nur Wunschdenken. Eine schöne Zukunft, die ich mir nur ausmale.

Aber das Gefühl, dass es wirklich passieren wird, wird mit der Zeit immer stärker werden.

Zehntausend Volt

So vergeht die Zeit, aber sehr langsam, finde ich. Vor allem an den Wochenenden, wo ich nicht mit der Bahn fahren kann und daher keine Chance habe, sie wiederzusehen. Ab Montag morgens wird es wieder interessant.

Montags bis Donnerstags fahre ich meistens erst 7:18 oder später ab Wesel ab, immer in der Hoffnung, sie wiederzusehen. Ich bin immer noch sehr verliebt und kann das in meinem Magen fühlen. Manche Tage habe ich sehr wenig Hunger, kann nur mit Mühe essen. Was für mich sehr ungewöhnlich ist, denn normalerweise kann ich immer leicht und viel essen. Das fällt zum Glück aber zuhause nicht auf.

Am ersten Freitag im Mai, dem 6., fahre ich wie immer Freitags mit dem frühen Zug um 6:40, damit ich für den Tango-Kurs wieder rechtzeitig zuhause bin. Ich rechne mit gar nichts, aber setze mich wie immer auf die linke Seite im Zug an das Fenster, damit ich in Oberhausen sehen kann, wer einsteigt.

Ich sehe nur aus purer Gewohnheit aus dem Fenster, als der Zug in Oberhausen einfährt.
Und da steht sie und steigt ein! Mein Puls schnellt in die Höhe, ich bin elektrisiert. Auch noch in meinen Wagen, durch die Tür, die ich sehen kann. Dann geht sie nach rechts, direkt auf mich zu! Ich vergesse zu atmen und mein Herz setzt fast aus!

Sie wird mich sehen und sich zu mir setzen! Denn meine ganze Sitzgruppe ist frei. Sie kommt näher, gleich ist sie bei mir!

Sie trägt heute ein figurbetonendes dunkelgrünes Strickkleid, darüber eine kurze schwarze Lederjacke und die Haare offen, kein Zopf. Aber das fällt mir gar nicht auf. Sie sieht einfach umwerfend aus, das merke ich aber doch.

Und dann sieht sie nur geradeaus und …

geht an mir vorbei!

Aber das ist nicht alles. Als sie mich erreicht, erhalte ich einen energetischen Schlag wie von zehntausend Volt. So müssen sie sich anfühlen, zehntausend Volt. Denn wie sich 220 Volt aus der Steckdose anfühlen, das weiß ich ganz genau, das ist im Vergleich dazu, wie ich mich jetzt fühle, nur wie ein leichtes Kitzeln.

Ich sinke in mich zusammen, schaffe es aber noch zuzusehen, wo sie sich hinsetzt. Einige Sitze weiter hinter mir, auf meiner Seite. So dass ich sie nicht sehen kann. Auch wenn ich mich auf die andere Seite setze. Also bleibe ich sitzen, wie ich gerade sitze.

Das muss ich erst einmal verarbeiten. Sie hat mich entweder übersehen oder wollte mich übersehen. Sie weiß nichts. Wir sind kein Paar, überhaupt nicht!

Ich breche innerlich zusammen. Dazu sind meine Energien auch noch total durcheinander. Das wird bis Samstag anhalten und einige Verwirrung stiften. In der folgenden halben Stunde, bis wir Düsseldorf erreichen, schaffe ich es, mein Notprogramm zu starten. Ich bin total durcheinander.

Der Zug hat Endstation, und ich bleibe erst einmal sitzen. Bin geistig total erschöpft. Da geht sie wieder an mir vorbei zur Tür, obwohl von ihrem Sitz die andere Tür viel näher wäre. Und dann müsste sie auch nicht an mir vorbei. Könnte wieder flüchten, wie damals, als ich sie das letzte Mal gesehen habe.

Schnell stehe ich auf, folge ihr wie ein hypnotisiertes Kanninchen. Sehe ihre entzückende Rückseite. Als sie aussteigt, bin ich direkt hinter ihr. Das Stretchkleid ist sehr eng, genau richtig eng, und ihre schwarze kurze Lederjacke beginnt erst über der Hüfte. Sie trägt schwarze Strümpfe und ebenfalls schwarze, kurze Stumpenstiefel. Bequeme, ohne Absatz. Sie ist ja auch groß genug.

Das Kleid ist so eng, dass ich ihren Muskeln bei der Arbeit zusehen kann, wenn sie geht. Ich bin total hin und weg, jetzt endgültig. Ich denke nichts mehr, laufe nur hinter ihr her und sehe auf ihre wundervolle Rückseite.

Sie geht, nein schreitet völlig selbstsicher vor mir her, dreht sich nicht um. Als wäre ich gar nicht da. Ich laufe, schwebe, fliege hinter ihr her. Ich kann ihr nur noch folgen. Die Treppe vom Bahnsteig nach unten, zur Treppe in die U-Bahn und dann schreitet sie weiter zur linken Seite vom Bahnsteig. Der falschen. Denn ich muss nach rechts  abbiegen.

Ich sehe noch zu, wie sie in die nächste U-Bahn einsteigt, dann ist sie weg.

Als ich in meiner Bahn sitze, schaltet der Autopilot ab und mein Hirn wird wieder aktiv. Wacht auf.

Was war das denn? Besser, was ist das denn? Denn meine Energien sind immer noch durcheinander. Ich fasse es nicht, fange langsam wieder an zu denken. Warum hat sich mich nicht gesehen? Warum, warum, warum?

Die U-Bahn verlässt den Tunnel, fährt nach draußen. Es ist schönes Wetter, die Sonne scheint. Das alles nehme ich nur am Rande war. Mit Mühe stelle ich mich soweit wieder her, dass ich auf der Arbeit nicht auffalle.

Die Nachwirkungen des Energie-Stoßes fühle ich abends auf der Fahrt nach Hause immer noch.

Ich schreibe eine Email an meinen früheren Kollegen, den Frauenversteher. Vielleicht weiß er ja Rat. Und sende sie ab, die Email. Ich habe noch einen anderen Ex-Kollegen, der den gleichen Namen hat. Vor- und Nachname. Er und seine Frau kennen uns, meine Frau und mich. In meiner Verwirrtheit sende ich die Email an ihn. Peinlich und sehr gefährlich! Aber das werde ich erst deutlich später merken.

Ich beschreibe alles, vor allem den zehntausend Volt-Schlag und dass ich jetzt nicht mehr weiterweiß. Was soll ich nur machen?

Er wird mir nächste Woche antworten und eine kleine Panik auslösen.

Ich bin immer noch total durcheinander, energetisch wie gedanklich. Zuhause habe ich mich wieder einigermaßen im Griff, und Samstag morgen ist auch meine Energie wieder normalisiert.

Ich spule den inneren Film, wie sie vor mir herschreitet, immer wieder ab. Das werde ich nie wieder vergessen.

Der Energie-Schlag hat meine Verliebtheit auf ein erträgliches Maß reduziert, so dass es nicht mehr auffällt. Meine Liebe zu ihr aber nicht. Die wächst langsam, aber kontinuierlich.

Ich zähle die Tage auf dem Kalender nach. Genau 60 Tage nach ihrem Lächeln am 6.3. taucht sie wieder auf.

Hat das etwas zu bedeuten? 6 mal 10 ?

Ihre Selbstsicherheit wird bleiben. Sie hat sich deutlich weiterentwickelt in den 60 Tagen.

Die folgenden Wochen

Ich sehe sie jetzt ungefähr einmal pro Woche. Begegnen oder Treffen kann man das nicht nennen, denn sie übersieht mich. So auffällig, dass ich nach einiger Zeit denke, dass sie mich schon sieht und auch erkennt, mich aber ignoriert. Oft laufen wir direkt aufeinander zu, stehen nur einen Meter auseinander oder laufen aneinander vorbei.

Sie ist wieder die unnahbare Schönheit. Unerreichbar für mich. In der sichtbaren Welt.

Ich habe für mich beschlossen, sie in dieser Welt in Ruhe zu lassen, wie von ihr gewünscht. Was sie kann, das kann ich auch und bin ebenfalls der Unnahbare, wenn wir uns begegnen. Verziehe keine Mine, wenn ich sie ansehe. Manchmal begegnen sich unsere Blicke. Ohne irgendeine Reaktion. Weder von ihr noch von mir.

Sie fährt jetzt immer mit der U-Bahn auf der anderen Seite zur Heinrich-Heine-Allee. Sie weicht mir bewusst aus.

Was unser Verhältnis angeht, bin ich mir sehr unsicher: Sie ist die passende für mich, aber was bin ich für sie?

Bis jetzt irgendwie noch nichts.

Währenddessen gehen in mir merkwürdige Veränderungen vor. Ich werde sehr empfindsam. Ich fühle es in meinem Herzen, in meiner Energie, wo sie hergelaufen ist. Es ist schwer zu beschreiben,
dieses Gefühl. Und noch schwerer, es von den anderen neuen Gefühlen in meinem Herzen zu unterscheiden. Das ist alles so neu für mich. Ich fühle mich da wie ein neugeborenes Baby, das zum ersten Mal die Augen geöffnet hat und noch gar nichts erkennen kann. Für das alles neu ist. Das lernen muss, Unterschiede sucht, um die sichtbare Welt zu verstehen.

[…]

Ich fühle sie im Zug

An einem Morgen Anfang Juni — es wird ein schöner, sonniger und warmer Tag werden — fühle ich ihre Anwesenheit im Zug. Ich habe sie nicht einsteigen sehen, aber dieses Gefühl lässt mich aufstehen und im Zug weiter nach vorne laufen. Zur Zeit kann ich ja ihren Spuren folgen und jetzt fühle ich sie. Oder bilde ich mir das nur ein? Während ich Wagen um Wagen durchquere, werde ich langsam unsicher. Jetzt noch durch den 1. Klasse-Wagen mit dem Gang an der linken Seite, dann bin ich fast ganz vorne.

An der Verbindung zwischen zwei Wagen, die wegen des Lärms mit einer eigenen Tür vom nächsten Abteil abgetrennt ist, stoppe ich und gehe nach rechts zum Fenster.

„Das wird wohl nichts“ denke ich und bleibe stehen. Durch die Scheibe kann ich in das Abteil sehen, aber ich kann sie nicht entdecken. Naja, denke ich, und was jetzt?

Vor mir sitzt eine junge Frau mit dunklen langen Haaren, im Abteil, direkt hinter der Scheibe, durch die ich hineinsehe. Mit dem Rücken zu mir, und schreibt Nachrichten in ihr Handy. Whats-App. Man kann das Foto von einem Neugeborenen sehen.

Hm. Größe und Haarfarbe, das könnte sie sein. Aber das kann ich so nicht erkennen. Ich sehe nur ihre schönen Haare, und davon auch nicht sehr viel.

Ich gehe zur linken Seite und setze mich auf den Notsitz, damit ich einen Blick durch die Scheibe der Tür in das Abteil werfen kann, und sende ihr meine Liebe, immer wieder. Ich kann nicht erkennen, ob sie es ist. Denn es sitzt noch jemand neben ihr. So sehe ich voller Ungeduld immer wieder zur ihr herüber. Das wäre ja wirklich merkwürdig, wenn sie es tatsächlich wäre. Unglaublich, sozusagen.

Da, jetzt kann ich sie sehen, und ja, sie ist es!!!

Sie lehnt zwischendurch nachdenklich den Kopf an die Scheibe. Das habe ich von ihr noch nie gesehen. Ich beobachte sie weiter und sende ihr immer wieder meine Liebe. Vielleicht fühlt sie das ja irgendwie. Das hoffe ich und warte auf Reaktionen. Aber sie sieht nicht zu mir herüber.
Ist versunken in ihren Gedanken.

Schließlich kommen wir in Düsseldorf an. Stehe ich jetzt auf und gehe an ihr vorbei?

Nein, mein Gefühl sagt mir, dass ich abwarten soll. Und darauf höre ich jetzt. Immer. Damit es keine weitere Katastrophe gibt mit uns. Eine reicht mir!

So warte ich, bis sie aufsteht und das Abteil in der anderen Richtung verlässt, Richtung Tür. Jetzt stehe ich auch auf und öffne die Abteiltür, und das kann man deutlich hören.

Sie ist gerade auf dem Gang – wir sind fast allein im Abteil – und dreht sich zu mir um.

Heute hat sie eine weiße Bluse an, hochgeschlossen, wie immer, die in weiten Ärmeln endet. Und dazu eine Jeans mit einem kleinen Schlitz am Knie. Das ist heute angesagt, denn es wird warm werden. Ich finde sie ganz zauberhaft.

Und dann ihr Blick! Weil sie nicht mit mir rechnet, sieht sie mich offen und verwundert an. Unendlich liebevoll! Ich sehe sie ebenfalls an. Ob verzückt oder mit eiserner Miene, ich habe keine Ahnung. Aber ich soll sie nicht ansprechen, das Gefühl habe ich von meinem Herzen. Und so
genieße ich nur den wunderbaren Augenblick.

Dann dreht sie sich um und geht. Ich folge ihr bis in die U-Bahn. Aber ich lasse Abstand. Damit sie sich nicht verfolgt fühlt. Ich sehe sie noch unter der Rolltreppe stehen und in meine Richtung sehen, als ich die Treppe in die U-Bahn heruntergehe, ganz gemütlich. Sieht sie mich? Erkennt sie mich? Ich bilde mir ein, dass sie mich immer noch verwundert und liebevoll ansieht. Oder ist das wirklich so? Keine Einbildung? Jedenfalls sieht sie sehr nachdenklich aus.

Dann kommt ihre U-Bahn. Sie steigt ein und ist fort.

Ich gehe auf meine Seite und genieße die Gefühle. Hat sie meine Liebe gefühlt? Bewusst oder unbewusst? Hat sie mich wahrgenommen? Diese Fragen geistern immer wieder durch meinen Kopf. Aber ohne Antwort.
Meine Bahn kommt auch und ich fahre weiter, zur Arbeit. Wie schade, dass ich niemandem davon erzählen kann!

Diesen Blick werde ich nie vergessen. So wird sie mich ansehen, wenn wir heiraten. Falls es dazu kommt, denn da bin ich mir nicht so sicher. Noch nicht.

[Ende der Vorschau…]


Die weitere Geschichte wird sehr ungewöhnlich, spirituell ungewöhnlich. Sie schlägt einen Haken nach dem anderen und entwickelt sich langsam aber sicher auf ein Happy-End, ein Very-Happy-End zu, das ich aber auch noch nicht kenne, und das ist das Spannende daran.

Und jetzt warte ich auf Eure Kommentare: Wie hat sie Euch gefallen, meine Geschichte? Soll ich weiterschreiben?

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14 Gedanken zu “Das dritte Leben

  1. Schöne Grüße,

    ja, die charakterlichen Parallelen zu Lhendon sind schon interessant.

    Ich freue mich für dich, dass du diese Liebe bereits im physischen erleben darfst! Ich wünsche dir aufjedenfall, dass die Geschichte ein ‚Very-Happy-End‘ nimmt, wie du es beschreibst!

    Ich bin auch (noch) verheiratet. Und man muss mich schon für irre halten, da ich einen Mann liebe, der physisch garnicht anwesend ist. Ich muss aber dazu sagen, dass ich selbst mit meinem Gewahrsein kaum noch auf der ’normalen‘ 3D Erde bin.

    Ja, Mathematik mag Lhendon, ich übrigens auch. Klingt verrückt, aber er hat mir sehr viel beigebracht und meinen Geist geschult.

    Wer weiß, vielleicht hat es einen Grund, dass wir uns gerade jetzt ‚begegnen‘. Ich denke jeder trägt auf seine Weise zum Erwachen bei und unsere Wege sind alle auf vielfältige Weisen miteinander verflochten.

    Alles Liebe und Namasté

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  2. Ja, es ist aber eine positive Reinigung.

    So viele Menschen leben nicht das Leben, was sie sich wirklich wünschen. Halten an Konventionen, Regeln und äußeren Stützen fest, die in Wahrheit nur dazu dienen das wahre Selbst zu verleugnen! Denken in Grenzen, anstatt zu über-Brücken und sind in einer mehr oder weniger erträglichen Gleichgültigkeit gegenüber dem Leben gefangen.

    Jedes intensive Gefühl, insbesondere die Begegnung mit dem Seelengefährten ist prädestiniert dafür diese Grenzen zu sprengen!

    Das neue Leben, was sich wie der Phönix aus der Asche erhebt, kann anders nicht geboren werden!

    Die neugewonnene Reinheit ist vielleicht zuerst mal der größte Segen, denn durch sie ist man dann in der Lage Liebe wahrhaftig zu geben und zu empfangen!

    Gefällt 1 Person

  3. Huhu! Du hast mir Deine Geschichte verlinkt, daher habe ich sie mir mal durchgelesen. Ehrlich gesagt teile ich die obigen Meinungen nur so bedingt, wobei ich es toll finde, dass Du Deinen Gefühlen auf diese kreative Weise Ausdruck verschaffst. Ich habe mich beim Lesen gefragt: Warum spricht er sie nicht einfach an? Also einfach: „Hallo, du, wie geht es, wir sehen uns hier jeden Tag, oder?“ Und ich fand es auch ein wenig problematisch, dass sich da jemand so viel denkt über jemanden, den er gar nicht kennt. — Also wenn das ein Auftakt ist für einen Psychothriller, ok. Wenn das eine Romanze werden soll, dann … bin zumindest ich noch nicht so 100% überzeugt. 😉 Alles Liebe und Schreiben ist Beste!!!

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    1. Lies es nochmal. Das habe ich ja gemacht, sie angesprochen auf dem Bahnsteig. Dann kam das Lächeln (das Wunder), und dann die gescheiterte Briefübergabe. So die chronologische Reihenfolge.
      Danach bin ich dann auf andere Pfade gewechselt, um ihr näher zu kommen. Und das funktioniert. Aber ich denke da nicht mehr so viel, sondern fühle, was angesagt ist…

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